Stricken beim Stricken

Vom Sitzkissen zur Stricknadel

Setze ich mich aufs Meditationskissen, kann ich nicht stricken und greife ich zur Nadel, kann ich nicht meditieren. Oder doch?

 


Ich übe Meditation, mal weniger, mal mehr – jedoch nie genug. An diesem Punkt kann ich mir auch nicht mit einem Zitat von Ajahn Brahm behelfen. „This is good enough“ ist ein tröstlicher Satz, der mir in vielen Fällen hilft. Wenn ich mir selbst jedoch durch Ausreden oder Energielosigkeit den Raum zur regelmäßigen Meditationspraxis verschließe, versagt das Zitat. Bedauerlich, oder auch nicht. Denn dieser ständig schwelende Funke an Unzufriedenheit hält in mir auch den Wunsch lebendig zu praktizieren.

 

Von verschiedenen Lehrern und Lehrerinnen habe ich gelernt, dass man nicht nur auf dem Kissen, sondern auch im Alltag praktizieren soll. Und so habe ich damit begonnen, meine Achtsamkeit, die ich während der Sitzmeditation häufig auf das Kommen und Gehen des Atems lenke, im Alltag von Zeit zu Zeit bewusst beim Stricken aufs Stricken zu richten.

 

Achtsam beim Stricken

Das heißt also: Wenn ich stricke, dann stricke ich. Dann höre ich nicht gleichzeitig ein Hörbuch oder Musik an, schaue keinen Film und beobachte nicht die Leute beim Spazierengehen. Soweit mag es noch einfach klingen. Doch ich versuche auch, in Gedanken dabeizubleiben. Und das ist für mich schon schwieriger. Manchmal überlege ich beim Stricken zum Beispiel plötzlich, was ich noch unbedingt einkaufen muss oder ich erinnere mich an Situationen bei der Arbeit, die ich gerne anders gelöst hätte. Und schon bin ich nicht mehr bei meinem Strickstück. Ich habe sozusagen vergessen, dass ich stricke. Besonders häufig geschieht mir dies bei einfachen Strickmustern oder wenn etwas glatt rechts gestrickt wird. Ein schwieriges Muster erfordert mehr Konzentration und lässt mich mit meiner Achtsamkeit beständiger beim Stricken verweilen.

 

Ayya Khema schreibt „Setzt man einen Fuß auf den Boden und weiß nichts anderes als das, dann handelt es sich um Achtsamkeit.“ Und weiter führt sie an anderer Stelle aus: „Achtsam sein heißt zu wissen, was wir denken, fühlen und tun. Wenn wir das wissen, werden wir uns auch unserer Reaktionen bewußt.“

 

Stricken beruhigt

Ich bin mir meiner Reaktionen häufig nicht bewusst. Oft habe ich den Eindruck, dass mich meine eigenen Reaktionen überholen und ich begreife meist erst hinterher, was und selten nur warum ich etwas gedacht, gesagt oder getan habe. Meine Meditationspraxis hilft mir, diesen Prozess, bestimmte Muster und Gewohnheiten etwas leichter zu erkennen und manchmal auch in einer klaren Geisteshaltung bewusst zu steuern. Auch meine Praxis „Stricken beim Stricken“ schult mich, vielmehr meine Achtsamkeit, darin, stetiger im Moment und bei den Dingen in mir und um mich herum zu bleiben. Allerdings geschieht dies nicht von heute auf morgen. Was sich jedoch bei einem Strickabend ohne Ablenkungen unmittelbar bei mir einstellt, ist Ruhe. Ein Effekt, den ich bereits von der Atembetrachtung kenne und den ich sehr schätze.

 

ANREGUNGEN FÜRS STRICKEN

 

Tempo verlangsamen

Das Stricktempo absichtlich deutlich verlangsamen. Sich klarmachen, welche Bewegungen die Stricknadeln und damit die Hände ausführen, um eine einzelne Masche zu stricken. Am einfachsten ist dies mit einem kraus rechts oder in Runden glatt rechts gestrickten Strickstück. Gedanklich nicht schon bei der nächsten Masche sein. Das Stricken einer einzelnen Masche kann zusätzlich in mehrere aufeinanderfolgende Abschnitte unterteilt werden, vom Einstechen mit der rechten Nadel übers Faden holen und durchziehen bis zum von der linken Nadel gleiten lassen. Die verschiedenen Schritte werden Masche für Masche bewusst wiederholt. Sobald man gedanklich abschweift und dies bemerkt, lenkt man seine Aufmerksamkeit zurück auf die gerade zu strickende Masche.

 

Körperhaltung wahrnehmen

Bei dieser Übung wird das Stricktempo zunächst etwas verlangsamt. Der Fokus liegt dann jedoch nicht auf der einzelnen Masche, sondern auf dem Körper. Dabei stricke ich am besten ebenfalls nur rechte Maschen. Ich spüre meinen Kopf und erkunde während des Strickens, wie sich mein Kopf anfühlt. Kneife ich meine Augen zusammen? Lege ich die Stirn in Falten? Sind meine Lippen aufeinander gepresst? Liegt meine Zunge locker im Mund? Dann gehe ich zum Hals und Nacken über. Welche Empfindungen kann ich hier wahrnehmen? Fühlt sich mein Hals frei an? Ist mein Nacken heiß oder kalt? Ziehe ich die Schultern nach oben? Kribbelt, piekst, sticht es zum Beispiel an der ein oder anderen Stelle? So scanne ich den ganzen Körper, den Rücken, die Vorderseite, die Arme, die Hände, das Gesäß mit seinem Kontakt zur Sitzfläche, die Beine und Füße. Dabei habe ich schon des öfteren festgestellt, dass meine Oberschenkel angespannt sind. Zu Beginn war ich darüber verwundert, da ich der Meinung war, dass meine Beine doch gar nichts mit dem Stricken zu tun haben.

Wer sich mit dem Thema Meditation und Achtsamkeit  beschäftigen möchte, findet beispielsweise in den folgenden Büchern hilfreiche Informationen.

 

  • „Die Praxis der Achtsamkeit“
    von Mahathera Henepola Gunaratana

  • „Die Ewigkeit ist jetzt“
    von Ayya Khema

  • „Meditation ohne Geheimnis“
    ebenfalls von Ayya Khema

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